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  • · Fachbeitrag · Zukunftstrends in der Steuerberatung

    Neue Entwicklungen bei der Kanzleinachfolge

    von Michael Loch, Glawe GmbH, Köln

    | In einer Branche, die traditionell von Stabilität und Beständigkeit geprägt war, zeichnet sich ein tiefgreifender Wandel ab: Angetrieben von Digitalisierung, Fachkräftemangel und dem Drang nach Effizienz müssen Kanzleien ihre Strategien überdenken, um in einem zunehmend dynamischen Marktumfeld zu überleben und zu prosperieren. Dieser Beitrag beleuchtet die Konsequenzen, die wichtige Trendfaktoren in der Steuerberatung für den Bereich der Kanzleinachfolge und den Kanzleiverkauf haben. |

    Trends im Steuerberatungsmarkt

    In den letzten Jahren ist der Steuerberatungsmarkt in Bewegung geraten wie noch nie zuvor. Ganz unterschiedliche Kräfte bewirken, dass Kanzleien ihre internen Prozesse, ihre Personalpolitik und ihre strategische Ausrichtung neu denken müssen.

     

    Trend #1: Digitalisierung und Automatisierung

    Neben Steuersoftware wie DATEV, Addison oder Agenda nutzen erfolgreiche Kanzleien vermehrt zusätzliche Spezialtools für Bereiche wie Dokumentenmanagement, Aufgabenverwaltung oder Zeiterfassung. Dennoch fehlen bislang standardisierte Komplettlösungen, sodass viele Kanzleien mit Insellösungen arbeiten. Hier zeigt sich ein klarer Wettlauf um die besten digitalen Konzepte. Während aktuell vieles noch fragmentiert erscheint, könnten sich in den nächsten zwei bis drei Jahren erste Best-Practices für die digitale Prozesslandschaft herauskristallisieren. Größere Einheiten entwickeln bereits Vorreiterlösungen, die als Blaupause für den Markt dienen könnten. Wer frühzeitig auf durchgängige Prozesse setzt, verbessert seine Position im Wettbewerbsumfeld und steigert die Attraktivität für potenzielle Käufer.

     

    Trend #2: Vom Mandantenfokus zum Mitarbeiter-/Prozessfokus

    Früher galt für Kanzleiübernahmen oft der Leitsatz: „Wichtig ist vor allem der Mandantenstamm.“ Heute jedoch interessieren sich potenzielle Käufer verstärkt für die Struktur der Mitarbeiterschaft und die Prozesse innerhalb der Kanzlei. Eine Kanzlei mit einem guten Team, modernem Arbeitsumfeld und skalierbaren Prozessen hat deutlich bessere Chancen, einen geeigneten Nachfolger oder Käufer zu finden.

     

    Die Rekrutierung und Bindung qualifizierter Steuerfachleute bleibt eine der größten Herausforderungen. Während der Fachkräftemangel in einigen Regionen minimal nachgelassen hat, ist es dennoch schwierig, zeitnah passendes Personal zu finden. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Steuerberatern, die bereit sind, selbst Verantwortung zu übernehmen oder sich an einer Kanzlei zu beteiligen ‒ und genau hier zeigt sich ein Engpass: Nicht alle jungen Berufsträger möchten den Schritt in die volle Verantwortung gehen.

     

    Trend #3: Angleichung an Unternehmen

    In vielen Kanzleien war es lange Zeit üblich, dass ein oder zwei Steuerberater alle Leitungsaufgaben alleine schultern: von Personalführung bis Marketing. Heute wächst das Verständnis dafür, dass man Fachlichkeit (Steuerberatung) und Unternehmertum (Kanzleiführung) trennen kann. Neue Rollen und Teams ‒ etwa in den Bereichen HR, Marketing und Kanzleiorganisation ‒ sorgen dafür, dass die Kanzleiführung breiter aufgestellt ist und nicht an einzelnen Personen hängt. Eine weitere Veränderung ist die verstärkte Einbindung junger Steuerberater oder auch von Führungskräften, die nicht Berufsträger sind, in die strategischen Entscheidungen. Damit etablieren sich in den Kanzleien flachere Hierarchien und mehr Augenhöhe. Dies stärkt das Gefühl, gemeinsam am Erfolg der Kanzlei zu arbeiten, was wiederum die Motivation und Innovationskraft fördert.

     

    Trend #4: Konsolidierung zu größeren Einheiten

    Mit der Lockerung des Berufsausübungsrechts drängen zunehmend Private-Equity-Investoren und andere Kapitalgeber in den Markt. Dies führt zu einer Konsolidierung, bei der kleinere Kanzleien aufgekauft und in größere Einheiten integriert werden. Zwar ist das Modell noch relativ neu, aber viele Marktbeobachter erwarten, dass dieser Trend spätestens 2025 offensichtlicher wird. Insbesondere mittelgroße bis große Kanzleien können von Investorengeldern profitieren, da sie sich dadurch weiter professionalisieren und ausbauen können ‒ etwa durch standardisierte Prozesse, spezialisierte Softwarelösungen und ein professionelles Management. Dadurch entsteht ein immer schärferer Wettbewerb zwischen inhabergeführten Kanzleien und investorengesteuerten Einheiten.

     

    Ebenfalls zu beobachten ist eine ortsübergreifende Zusammenarbeit. Hier eröffnen sich für Steuerkanzleien neue Möglichkeiten, vor allem Branchenlösungen für ihre Mandanten zu entwickeln, indem sie ihre Expertise und Ressourcen fokussieren und spezialisierte Dienstleistungen anbieten, die auf die spezifischen Anforderungen verschiedener Branchen zugeschnitten sind.

     

    Trend #5: Neue Bewertungsmethoden bei Kanzleiübernahmen

    Traditionell wurden Steuerkanzleien beim Verkauf anhand einer einfachen Formel bewertet: Umsatz x Faktor. Diese Methode bot eine schnelle, aber oft wenig differenzierte Einschätzung des Kanzleiwerts. In den letzten Jahren zeichnet sich jedoch ein klarer Trend ab: Die Bewertungsmethode verschiebt sich hin zu einer Berechnung basierend auf dem EBIT (Earnings Before Interest and Taxes) x Faktor. Der zentrale Vorteil dieser neuen Bewertungsmethode liegt in ihrer höheren Aussagekraft. Während der Umsatz lediglich die Einnahmen widerspiegelt, berücksichtigt der EBIT die tatsächliche Ertragskraft einer Kanzlei. Dies ermöglicht potenziellen Käufern eine genauere Einschätzung der Rentabilität und damit eine fundiertere Kaufentscheidung. Gleichzeitig verändert sich die Denkweise von Käufern: Sie prüfen zunehmend detailliert, welche Gewinnpotenziale eine Kanzlei tatsächlich bietet, statt sich nur von hohen Umsatzzahlen beeindrucken zu lassen.

     

    Die wichtigsten Gründe für diese Entwicklung liegen hierin:

     

    • Zwei Kanzleien mit gleichem Umsatz können sehr unterschiedliche Kosten und somit stark abweichende Gewinne haben.

     

    • Kanzleien mit optimierten Prozessen und geringer Kostenstruktur erzielen höhere EBIT-Margen und sind für Käufer attraktiver.

     

    • In vielen anderen Wirtschaftsbereichen ist die EBIT-basierte Bewertung bereits Standard. Die Anpassung im Steuerberatungsmarkt sorgt für eine bessere Vergleichbarkeit mit anderen Unternehmen.
    • Moderne, digitalisierte Kanzleien mit klaren Strukturen und hohen Gewinnmargen profitieren von dieser Bewertungsmethode, da sie sich besser von weniger profitablen Einheiten abheben.

    Konsequenzen für die Kanzleinachfolge

    Bei Kanzleiübernahmen gewinnen digitale Strukturen und optimierte Prozesse enorm an Relevanz. Wer seine Kanzlei verkaufen möchte, sollte frühzeitig sicherstellen, dass interne Abläufe dokumentiert und skalierbar sind. Denn potenzielle Übernehmer achten zunehmend darauf, dass Arbeitsabläufe in die eigene Kanzleistruktur eingebettet werden können.

     

    Es zeichnet sich ab, dass kleinere Kanzleien (Einzelkämpfer mit nur wenigen Mitarbeitern) beim Verkauf zunehmend Schwierigkeiten haben. Junge Nachfolger fehlen oft oder favorisieren moderne Strukturen. Großkanzleien oder Kanzleiverbünde kaufen hingegen eher größere und bereits gut aufgestellte Einheiten auf. Kanzleien, deren Mitarbeiterstruktur und Mandantenportfolio weitgehend überaltert sind, können kaum noch hohe Kaufpreise erzielen. Eine mögliche Strategie, kleinere Einheiten dennoch attraktiv zu machen, ist das Pooling mehrerer Kanzleien vor einem Verkauf. So entsteht eine größere Struktur, die in einer Übernahme unkomplizierter integriert werden kann. Allerdings ist der Zusammenschluss an sich bereits mit hohem organisatorischem und kommunikativem Aufwand verbunden. Erfahrungsgemäß entstehen Reibungsverluste, wenn unterschiedliche Unternehmenskulturen verschmelzen. Entsprechende Prozesse sollten daher professionell begleitet werden ‒ etwa durch Mediation oder externe Beratung. So lässt sich sicherstellen, dass beteiligte Partner nicht an persönlichen Konflikten scheitern und die neuen Einheiten leistungsfähig bleiben.

     

    Der Wandel in den Bewertungsmethoden bedeutet für Kanzleiinhaber, dass eine reine Umsatzsteigerung nicht mehr ausreicht, um einen hohen Verkaufspreis zu erzielen. Vielmehr rücken die Optimierung der internen Prozesse, die Digitalisierung und eine schlanke Kostenstruktur in den Fokus. Kanzleien, die bereits jetzt auf EBIT-Steigerung setzen, werden in Zukunft deutlich bessere Chancen auf attraktive Verkaufskonditionen haben.

     

    Für viele Kanzleiinhaber ist ihre Kanzlei ein Lebenswerk. Das Loslassen von Verantwortung fällt schwer, wenn man es gewohnt ist, über Jahrzehnte allein zu entscheiden. Gleichzeitig brauchen Nachfolger oder externe Käufer volle Handlungsfreiheit, um Innovationen durchzusetzen. Ein typischer Konflikt ist daher der Zwiespalt zwischen dem Gefühl: „Ich weiß, wie es geht.“ und dem Wissen, dass neue Ideen Raum brauchen. Eine typische Anekdote zeigt, wie herausfordernd, aber auch lohnend das Loslassen sein kann. Ein Seniorpartner, der seine Kanzlei übertragen hatte, beobachtete zunächst skeptisch, wie sein Nachfolger alles anders machte ‒ und war überrascht, dass es funktionierte. Das veranschaulicht, dass ein gut vorbereitetes Team und klare Prozesse auch ohne den bisherigen Inhaber erfolgreich bestehen können.

     

    Unternehmensberater und Kanzleivermittler empfehlen, sich frühzeitig mit der Frage der Nachfolge zu beschäftigen ‒ idealerweise schon zu Beginn der Kanzleigründung. Ein vorausschauender Plan kann spätere Konflikte verhindern und sorgt dafür, dass man seine Kanzlei gezielt in eine Richtung entwickelt, die am Markt nachgefragt wird. Ein wichtiger Bestandteil der Nachfolgeplanung ist das fortlaufende Reflektieren und Anpassen der Ziele. Da sich der Markt rasant verändert, reichen Pläne, die vor zehn Jahren aufgestellt wurden, oft nicht mehr aus. Eine regelmäßige Standortbestimmung ermöglicht es, die Kanzlei fit für spätere Übergaben oder Zusammenschlüsse zu machen ‒ sei es an existierende Kanzleiverbünde, große Marktkonkurrenten oder externe Investoren.

    Fazit und Ausblick

    Der Steuerberatungsmarkt wird sich in den kommenden Jahren weiter konsolidieren und professionalisieren. Größere Kanzleieinheiten, unterstützt von externem Kapital, gewinnen an Bedeutung und setzen verstärkt auf optimierte Prozesse. Für kleinere Kanzleien ergibt sich die Herausforderung, trotzdem attraktiv zu bleiben ‒ entweder durch gezielte Prozessverbesserungen, den Aufbau einer schlagkräftigen Mitarbeiterstruktur oder Zusammenschlüsse mit anderen.

     

    Für Inhaber bedeutet dies, frühzeitig strategische Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu delegieren. Eine gut vorbereitete Nachfolge benötigt klare Strukturen, Digitalisierung und transparente Kommunikationsprozesse. Kanzleivermittler können dabei unterstützen, realistische Bewertungen vorzunehmen und die Übergabe professionell zu begleiten. Bis zum Jahr 2025 werden sich diese Trends weiter zuspitzen. Ob sich alle Prognosen bewahrheiten, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch, dass Digitalisierung, Konsolidierung und Prozessoptimierung entscheidende Faktoren dafür sind, dass Kanzleien erfolgreich am Markt bestehen und sich verkaufen lassen.

     

    Zum Autor | Michel Loch ist Geschäftsführer der Ulrich Glawe GmbH. Die Ulrich Glawe GmbH hat sich genau auf diese Herausforderungen spezialisiert und unterstützt Kanzleiinhaber aktiv bei der Nachfolgeplanung, Kanzleibewertung sowie der Optimierung interner Prozesse. Mit ihrer Expertise hilft sie Steuerberatern, sich strategisch auf die kommenden Marktveränderungen vorzubereiten.

    Quelle: Ausgabe 04 / 2025 | Seite 56 | ID 50301700